Der Brief des Indianerhäuptlings Seattle

Auf Wunsch der Leser, die uns in verschiedenen Tageszeitungen des Landes folgen, bringe ich Ihnen nun einen Text nahe, den ich in meiner Reihe von Artikeln übertragen habe, die in der Folha de São Paulo im Laufe des Jahres 1986 veröffentlicht wurden. Ich weiß von vielen Freunden – aus Funk und Fernsehen, der Presse und von Beschützern von Mutter Natur – die den berühmten Brief des Häuptlings Seattle zugeschrieben (1787-1866) gerne besäßen.

Im Jahre 1986 erhielt ich vom Journalisten Walter Periotto, damals Botschafter der LGW in den Vereinigten Staaten, diese Seiten, von denen viele Menschen schon einmal gehört hatten, aber bisher noch nicht die Gelegenheit hatten sie kennenzulernen. Heute also, bringen wir dieses Dokument zur gefälligen Meditation aller:

„Wem gehört der Himmel, wem das Glitzern des Wassers?“

(Übersetzung des als authentisch angesehenen Textes von Häuptling Seattle, der im Jahre 1855 auf den Vorschlag der Vereinigten Staaten antwortete, das Indianerland kaufen zu wollen. Der Text stammt von der UNEP – dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen).

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Häuptling Seattle

„Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen, wie die Wärme des Landes? Diese Idee macht für uns keinen Sinn.“

„Wir besitzen auch die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht! Wie könnt ihr sie da von uns kaufen?“

„Jedes Stück dieses Bodens ist meinem Volk heilig. Jede Kiefernadel, jedes sandige Ufer, der zarte Dunst in der Dunkelheit der Wälder, jede Lichtung und jedes summende Insekt ist der Erinnerung und dem Erleben meines Volkes heilig. Der Saft, der im Innern der Bäume fließt, trägt das Gedächtnis des roten Mannes in sich.“

„Die Toten des weißen Mannes vergessen das Land ihrer Geburt, wenn sie unter den Sternen wandeln. Unsere Toten vergessen nie diese wunderbare Erde, denn Sie ist die Mutter des roten Mannes. Wir sind ein Teil der Erde und sie ist Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern; die Hirsche und Pferde, der majestätische Adler, all diese sind unsere Brüder. Die Felsengipfel, der Geruch der Wälder, die Lebensenergie der Ponys und des Menschen, all dies gehört zu einer einzigen Familie.“

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„So also, wenn der Große Weiße Häuptling in Washington uns Nachricht gibt, dass er unser Land kaufen möchte, dann verlangt er zu viel von uns. Der Große Häuptling gibt uns Nachricht, dass er uns ein Stück Land geben will, wo wir ein angenehmes Leben werden führen können. Er wird unser Vater sein und wir seine Kinder. Wenn dies so sein wird, dann werden wir seinen Vorschlag unser Land zu kaufen, überdenken. Dieser Kauf aber wird nicht einfach werden, denn dieses Land ist für uns heilig.“

„Das klare Wasser, das in Bächen und Flüssen fließt, ist nicht allein nur Wasser, sondern es stellt das Blut unserer Vorfahren dar. Wenn wir euch nun das Land verkaufen sollten, dann müsst ihr euch daran erinnern, dass dies heiliges Land ist, ihr müsst eure Kinder daran erinnern, dass es heilig ist und dass jede geisterhafte Spiegelung an der Oberfläche des Sees Geschehnisse und Abschnitte im Leben meines Volkes wachruft. Das Murmeln des Wassers ist die Stimme unserer Vorfahren. Die Flüsse sind unsere Brüder, sie stillen unseren Durst, sie tragen unsere Kanus und ernähren unsere Kinder. Wenn wir unser Land an euch verkaufen, dann müsst ihr euch daran erinnern und eure Kinder lehren, dass die Flüsse unsere Brüder sind, genauso wie auch die Euren. Von nun an sollt ihr den Flüssen die gleiche Zuneigung schenken, wie man sie einem Bruder gibt.“

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„Wir wissen, dass der weiße Mann unsere Art zu leben nicht versteht. Für ihn ist ein Stück Land wie das andere, denn er ist ein Fremder, der in der Nacht einher kommt und dem Lande stiehlt was er benötigt. Das Land ist nicht seine Schwester, sondern sein Feind und nachdem er es sich unterunterworfen hat, und erobert, dann zieht er weiter auf der Suche nach einem anderen Ort. Er lässt das Grab seiner Eltern zurück und schert sich nicht darum. Er entführt die Kinder der Erde und er schert sich nicht darum. Er vergisst das Grab seiner Eltern und das Erbe seiner Kinder. Er behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, so, als seien sie Dinge, die man kaufen oder stehlen kann, so wie die Felle von Lämmern oder die glitzernde Glasperlen die keinen Wert besitzen. Sein Hunger nach mehr wird die Erde auslaugen und es wird allein eine Wüste zurück bleiben.“

„Das kann ich nicht verstehen. Unsere Art zu leben ist total verschieden von der Euren. Der Anblick eurer Städte tut den Augen des roten Mannes weh. Vielleicht liegt es daran, dass der rote Mann ein Wilder ist und als solcher nicht in der Lage ist zu verstehen.“

„In den Städten des weißen Mannes gibt es nicht einen einzigen Ort an dem es Ruhe gibt und Frieden. Nirgendwo kann man das Rascheln der Blätter im Frühling hören, oder das Schwirren der Flügel eines Insekts. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Wilder bin und es nicht verstehe.“

„Der Lärm dient allein dazu die Ohren zu beleidigen. Was für ein Leben ist es nun wo man den einsamen Ruf der Eule nicht mehr hört, oder das Quaken der Frösche Nächtens am Rande der Sümpfe? Ein Indianer bevorzugt das sanfte Wispern des Windes, der die Wasseroberfläche eines Sees kräuselt, oder der Duft einer Brise, die vom mittäglichen Regen gereinigt, oder vom Parfum der Pinien gewürzt ist.“

„Die Luft ist wichtig für den roten Mann, denn von ihr nähren sich alle. Die Tiere, Bäume, der Mensch, alle atmen die gleiche Luft. Der weiße Mann scheint sich nicht um die Luft die er einatmet zu kümmern. Wie ein verrottender Kadaver ist er dem üblen Geruch gegenüber unempfänglich. Wenn wir euch aber unser Land verkaufen würden, so solltet ihr euch aber auch daran erinnern, dass uns die Luft kostbar ist, dass die Luft allen Dingen ihren Geist einhaucht, die von ihr leben. Die Luft, die unsere Großväter beim ersten Schmerzenslaut einatmeten, war dieselbe wie die, die sie in ihrem letzten Atemzug empfingen.“

„Wenn wir euch unser Land verkaufen, so sollt ihr es überall als heilig bewahren, als einen Ort, an dem sogar der weiße Mann die vom Duft der Blumen in den Wäldern geschwängerte Brise in sich aufnehmen kann.“

„Und so werden wir über euren Vorschlag unser Land zu kaufen, beraten. Wenn wir uns dazu entscheiden ihn anzunehmen, so werde ich dies unter einer Bedingung tun: der weiße Mann muss die Tiere auf diesem Land so behandeln, als wären sie seine Brüder.“

„Ich bin ein Wilder und ich weiß es nicht anders. Ich habe schon tausende verwesende Büffel auf der Prärie gesehen, von weißen Männern zurückgelassen, die sie von einem vorbeifahrenden Zug aus erschossen haben. Ich bin ein Wilder und verstehe nicht wieso das dampfende eiserne Pferd wichtiger sein soll als der Büffel, den wir nur jagen um uns am Leben zu erhalten.“

„Was würde aus dem Menschen, gäbe es die Tiere nicht mehr? Würden alle Tiere verschwinden, so würde der Mensch an spiritueller Einsamkeit sterben. Denn alles was den Tieren geschieht, das betrifft auch den Menschen. Alles hängt miteinander zusammen.“

„Ihr sollt eure Kinder lehren, dass der Boden über den ihr geht, die Asche unserer Vorfahren darstellt. Damit sie das Land respektieren, so müsst ihr ihnen beibringen, dass es auf Grund des Lebens aller Lebewesen und Arten reich ist. Lehrt sie, was wir auch den Unseren beibringen: dass die Erde unsere Mutter ist. Wenn ein Mensch auf die Erde spuckt, so spuckt er auf sich selbst herab.“

„Über eines aber, da sind wir uns sicher: die Erde gehört nicht dem weißen Mann; es ist der weiße Mann der zur Erde gehört. Dessen sind wir uns sicher. Alle Dinge sind durch das Blut, das eine Familie vereint, verbunden. Alles ist miteinander verbunden.“

„Was die Erde verletzt, das verletzt auch die Kinder dieser Erde. Der Mensch webt nicht am Geflecht des Lebens; zuallererst ist er ein Teil davon. Was immer auch er diesem Geflecht zufügt, das fügt er sich selber zu.“

„Selbst der weiße Mann, der von Gott begleitet wird und mit dem er sich wie mit einem Freunde unterhält, kann vor diesem gemeinsamen Schicksal nicht entkommen. Vielleicht sind wir trotz allem Brüder. Wir werden sehen. Nur eines wissen wir jedoch sicher – und vielleicht wird es der weiße Mann eines Tages auch erkennen: unser Gott ist derselbe. Ihr mögt heute denken, dass ihr alleine Ihn besitzt, so wie ihr das Land besitzen wollt, ihr könnt es aber nicht. Er ist der Gott des Menschen und Seine Barmherzigkeit ist gleich, für den weißen Mann, wie für den roten Mann. Diese Erde liegt Ihm am Herzen und sie zu beleidigen heißt ihren Schöpfer zu beleidigen. Die Weißen werden auch vergehen, vielleicht sogar eher als all die anderen Stämme. Beschmutzt weiter euer Bett, und eines Nachts werdet ihr in euren eigenen Exkrementen ersticken.“

„In eurer Meinung aber strahlt ihr hell, erleuchtet von der Kraft Gottes, der euch in dieses Land brachte und euch aus irgendeinem besonderen Grund Macht darüber und über den roten Mann gegeben hat. Dieses Schicksal ist uns rätselhaft, denn wir können es nicht verstehen, wie es ist, wenn eines Tages der letzte Büffel erlegt, die letzten wilden Pferde domestiziert, die geheimen Ecken der Wälder vom Geruch des Schweißes so vieler Männer befallen, und die Sicht der schimmernden Hügel von sprechenden Drähten versperrt ist. Wo ist das Unterholz geblieben? Es ist verschwunden. Wo ist der Adler? Er ist verschwunden. Das Ende des Lebens ist der Beginn des Überlebens.“

Ein beachtliches Beispiel 
Wie viel Weisheit und Menschlichkeit liegen in den Gedanken eines als Wilden bezeichneten Mannes verborgen!...

Mögen die Zivilisierten diese nicht verfehlen, wenn sie von der Blindheit der Herrschaft um einen jeden Preis über ihre Mitgeschöpfe, geschlagen sind.

Mutter Erde übersteht höchstwahrscheinlich die Streiche nicht, in denen wir uns wie ein Elefant im Porzellanladen aufführen.

José de Paiva Netto ist Schriftsteller, Journalist, Rundfunksprecher, Komponist und Dichter. Er ist Vorsitzender der Legion des Guten Willens (LGW) und aktives Mitglied der Brasilianischen Pressevereinigung (ABI), der Brasilianischen Vereinigung der Internationalen Presse (ABI-Inter). Er ist der Nationalen Föderation der Journalisten (Fenaj) angeschlossen, der International Federation of Journalists (IFJ), dem Verband für Berufsjournalisten im Bundesland Rio de Janeiro, dem Schriftstellerverband von Rio de Janeiro, dem Verband der Rundfunksprecher im Bundesland Rio de Janeiro, sowie der Brasilianischen Union der Komponisten (UBC). Gleichfalls ist er Mitglied der Akademie für Literatur Zentralbrasiliens. Er ist internationaler Referenzautor für die Verteidigung der Menschenrechte und für die Konzeptualisierung und Verteidigung der Sache der Bürgerschaft und Ökumenischer Spiritualität, die, nach seiner Auffassung, „die Grundlage der großzügigsten Werte darstellen, die aus der Seele erwachsen, der Wohnstatt der von Intuition erleuchteten Emotionen und Reflexionen, der Umgebung die all das umfasst, was den vulgären Bereich der Materie überschreitet und aus der sublimierten menschlichen Sensibilität entstammt, wie beispielsweise Wahrheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Ethik, Rechtschaffenheit, Großzügigkeit und die Brüderliche Liebe.“